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Selbst wenn immer mehr Personen von Schlafstörungen betroffen sind, müssen diese nicht einfach als unvermeidbares Übel hingenommen werden

Schlaf ist und bleibt eine geheimnisvolle biologische Funktion, obwohl er immer genauer beobachtet und überwacht wird. Warum fällt manchen Menschen das Einschlafen so schwer? Und wie sollte man überhaupt mit Schlaflosigkeit umgehen? Nachfolgend die Antworten von Dr. Raphaël Heinzer, Leiter des Zentrums für Schlafforschung und Schlafmedizin (CIRS) am Waadtländer Universitätsspital in Lausanne (CHUV).

IST SCHLAF HEUTZUTAGE FÜR VIELE MENSCHEN ZU EINEM ZENTRALEN PROBLEM GEWORDEN?
Eines steht fest: Die Zahl der an Schlafbeschwerden leidenden Personen ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen die Tatsache, dass unsere heutige Gesellschaft auf Leistung ausgerichtet ist. Die Menschen möchten ihren Schlaf beherrschen, denn am nächsten Tag wird optimale Effizienz angestrebt und dazu muss man bestens ausgeruht sein. Ebenso wie Essen und Trinken werden auch Schlaf- und Wachphasen ständig gemessen und überwacht. Wie sollte man schlafen und wie lange? Solche Fragen können buchstäblich zur Obsession werden, was jedoch sehr problematisch ist, denn je mehr man seinen Schlaf zu kontrollieren versucht, desto mehr entzieht er sich unserem Einfluss. Sich ängstlich auf den Schlaf zu fokalisieren, läuft darauf hinaus, ihn durcheinanderzubringen.

WELCHEN ANDEREN GRUND GIBT ES FÜR DIE IMMER HÄUFIGEREN KLAGEN ÜBER SCHLAFSTÖRUNGEN?
Als zweiter Grund ist zu nennen, dass es heutzutage kein Tabu mehr ist, über Schlaf zu sprechen. Früher gehörte alles, was sich im Schlafzimmer abspielte, in die Intimsphäre und war deshalb Privatsache. Im Gegensatz zu damals sprechen die Menschen heute frei über ihre Schlafstörungen. Und das ist auch gut so, denn es gibt viele therapeutische Behandlungsmöglichkeiten.

TROTZ STÄNDIGER FORSCHUNGSARBEITEN IST UND BLEIBT DER SCHLAF EINE MYSTERIÖSE FUNKTION
Tatsächlich gehört der Schlaf zu den grossen Fragestellungen, für die die Forscher noch immer nach Antworten suchen. Der Mensch verbringt etwa ein Drittel seines Lebens mit Schlafen. Wahrscheinlich hilft der Schlaf beim Abtransport der Abfallstoffe, die durch die Arbeit der Neuronen im Gehirn abgesondert werden, oder trägt dazu bei, die wesentlichen Ereignisse des Tages in der Erinnerung festzuhalten und andere zu eliminieren. Letztendlich läuft schlechter Schlaf auf mangelnde Funktionstüchtigkeit am nächsten Tag hinaus. Der Mensch braucht den Schlaf und all seine Funktionen. Allerdings konnten die Forscher bislang nicht ermitteln, warum der Schlaf im Laufe der Evolution entstanden ist. Es geht also darum herauszufinden, warum Tiere, die man in Versuchen am Schlafen hindert, letztendlich sterben.

GILT DASSELBE FÜR DAS TRÄUMEN?
Es ist heute bekannt, dass der sogenannte Traumschlaf eine grundlegende Rolle in den Lernprozessen spielt. Zum Beispiel haben Studien bei Ratten gezeigt, dass die Nagetiere das Jagen einer Maus zunächst einmal im Traum erlernen. Sie bereiten sich auf diese Weise auf eine reale Situation vor und haben die richtigen Reaktionen parat, wenn sie in der Realität damit konfrontiert werden. Beim Menschen ist es ähnlich: Beim Träumen, also gewissermassen «offline», können nachts bestimmte Situationen in Szene gesetzt und Reaktionen darauf trainiert werden, ohne diese wirklich erlebt haben zu müssen. Auch bei Kindern hat das Träumen während des Schlafs wahrscheinlich eine wichtige Rolle inne. So werden bestimmte Verhaltensweisen zunächst auf diese Weise erlernt. Und schliesslich ist das Träumen eine Art Ventil – ein Weg, um bestimmte Frustrationen abzubauen. Alltagsszenen im Traum nachzuspielen soll helfen, sie zu verarbeiten und zu vergessen.

GUT ZU SCHLAFEN UND ZU TRÄUMEN WIRD FÜR VIELE MENSCHEN SCHWIERIG. WELCHE FORMEN KÖNNEN SCHLAFSTÖRUNGEN ANNEHMEN?
Schlafstörungen können sehr vielfältige Formen annehmen. Schlaflosigkeit, Schlafapnoe-Syndrom, Narkolepsie, Restless-Legs-Syndrom oder Hypersomnie sind nur wenige Beispiele einer langen Liste! Dies ist auch der Grund, warum oft ein disziplinübergreifender Ansatz gewählt und eine enge Zusammenarbeit mit Lungenfachärzten, Psychiatern und Neurologen für die Behandlung dieser Störungen angestrebt wird.

IST SCHLAFLOSIGKEIT DENNOCH DIE HÄUFIGSTE SCHLAFSTÖRUNG?
Ja. Man geht davon aus, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben davon betroffen ist. Dabei sollte zwischen akuter Schlaflosigkeit, wie sie z. B. durch ein belastendes Erlebnis (z. B. Umzug oder Trauerfall) ausgelöst werden kann, und chronischer Schlaflosigkeit unterschieden werden. Eine bestimmte Form chronischer Schlaflosigkeit unterhält sich selbst: Nach einem Stress schläft die betroffene Person nicht gut und versucht, dies durch längeren Schlaf auszugleichen. Sie geht früher schlafen oder bleibt morgens länger im Bett bzw. hält tagsüber ein Mittagsschläfchen. Wenn das Stressereignis vorbei ist, verbessert sich zwar der Schlaf, aber bei manchen Menschen halten die Sorgen um ihren Schlaf weiter an. So entsteht ein Teufelskreis chronischer Schlaflosigkeit: Sobald solche Menschen das Schlafzimmer betreten, fragen sie sich ängstlich, ob sie wohl schlafen werden oder nicht, und begünstigen auf diese Weise ihre chronische Schlaflosigkeit. Darüber hinaus verwischen sich die Grenzen zwischen Schlafen und Wachen durch die verlängerten Schafzeiten. Wenn jemand zehn Stunden im Bett verbringt, jedoch nur sieben davon schläft, wird er in der Nacht viele Stunden wach liegen – und genau an diese wird er sich erinnern, was wiederum seine Befürchtungen in Bezug auf seinen Schlaf nährt.

WIE BEHANDELN SIE SCHLAFSTÖRUNGEN?
Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung sind Schlafmittel keine Lösung! Sie können zwar helfen, eine akute Schlaflosigkeit nach einem Stress ein oder zwei Wochen lang zu behandeln. Dann muss dieser Art medikamentöser Behandlung jedoch ein Ende gesetzt werden, weil es sonst zu einer Abhängigkeit kommen kann. Was bei einer sich selbst nährenden chronischen Schlaflosigkeit wirklich gut hilft, sind sogenannte «kognitive Verhaltenstherapien», welche Einfluss auf die mit dem Schlaf verbundenen Überzeugungen, überhöhten Erwartungen und Ängste haben. Aus verhaltenspsychologischer Sicht sind darüber hinaus bestimmte Regeln in Bezug auf die Schlafhygiene einzuhalten, wie z. B. regelmässige Schlafensgehzeiten, Vermeidung von koffeinhaltigen Getränken und aufregenden Tätigkeiten vor dem Zubettgehen. Aber der wichtigste therapeutische Ansatz ist eine zeitliche Begrenzung des Schlafes. Natürlich sind die Leute, die zu uns kommen, um besser und länger zu schlafen, meist sehr von dieser Therapie überrascht. Aber wir erklären ihnen, was es damit auf sich hat, und legen folgende Regel fest: Schlafen Sie maximal sechs Stunden pro Nacht und machen Sie tagsüber keinen Mittagsschlaf. Infolge dieser zeitlichen Begrenzungen gehen diese Personen dann zu Bett, wenn sie wirklich müde sind, und stellen fest, dass Schlafen grosses Vergnügen bereitet!

KANN DAS SCHLAFAPNOESYNDROM EBENFALLS ALS SCHLAFSTÖRUNG BEZEICHNET WERDEN?
Ja. Die Schlafapnoe zeichnet sich durch eine Okklusion (einen Verschluss) der Kehle aus, die durch eine Erschlaffung der Rachenmuskulatur hervorgerufen wird. Diese Okklusion wiederholt sich sehr oft während der Nacht, was zu Schlafunterbrechungen führt, und die betroffenen Personen so gut wie nie in die Tiefschlafphase eintreten lässt. Der Schlaf ist deshalb nicht erholsam, und Menschen, die an Schlafapnoe leiden, sind nicht nur tagsüber müde, sondern haben auch ein erhöhtes Risiko, am Steuer einzuschlafen,was natürlich alles andere als harmlos ist. Ausserdem wirken sich diese Atemunterbrechungen negativ auf das Herz aus. Ziel der Atmung ist ja bekanntlich, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen und Kohlendioxid auszuatmen. Apnoen stören jedoch diese Funktion, wodurch der Körper an Sauerstoffmangel leidet. Zudem nimmt der Kohlendioxidgehalt im Blut zu und führt jedes Mal, wenn der Schläfer durch die Atemstillstände aufwacht, zu Adrenalin-Schüben. Dadurch wird das Herz übermässig beansprucht und muss hart arbeiten, obwohl es ihm an Sauerstoff mangelt. Dies ist auch der Grund dafür, dass die Gefahr von Herzerkrankungen oder Schlaganfall bei Personen, die an Apnoen leiden, im Vergleich zu Gesunden um das Dreifache erhöht ist. Nicht zuletzt steigt auch das Blut-
hochdruckrisiko.

KÖNNEN ALLE SCHLAFSTÖRUNGEN BEHANDELT WERDEN?
Ja. Die Leute sprechen immer offener über ihre Schlafprobleme, denken jedoch noch allzu oft, dass sie unabänderlich sind und nur mit Schlaftabletten behandelt werden können. Die Medizin hat jedoch grosse Fortschritte in der Behandlung von Schlafbeschwerden gemacht. Zum Beispiel gehört das Restless-Legs-Syndrom, das 5 bis 10 % der Bevölkerung betrifft und von einem Unruhegefühl in den Beinen gekennzeichnet ist, welches nur durch ständiges Bewegen gestoppt werden kann, zu den vielen Erkrankungen, die durch Verabreichung von Eisen oder eines anderen Medikamentes behoben werden können. Gesundheitsstörungen dieser Art sind äusserst belastend, wie übrigens alle Störungen, die negative Auswirkungen auf den Schlaf haben. Aber selbst wenn Sie immer häufiger und in vielfältiger Form auftreten, sind Schlafstörungen kein unvermeidliches Übel!

Quelle: www.planetesante.ch